KIRCHE
Die Reise nähert sich dem Ende Kirchberg / Ute Schäfer 21.02.2019

 

 

Paul Zimmer hat im Wohnzimmer einen übergroßen Tisch stehen, einen „Brüdertisch“. Schon bei seinen Eltern trafen sich hier „die Geschwister“, die Mitglieder der Altpietistischen Gemeinschaft. Und auch jetzt ist hier noch regelmäßig „Stund‘“, also Bibelstunde. Dann wird gebetet, Bibel gelesen und die Texte ausgelegt.

Einmal im Jahr kommen Geschwister von auswärts vorbei, ein besonderes Highlight in den sogenannten „Stundenhäusern“. Derzeit sind drei junge Leute unterwegs und besuchen 33 Gruppen im Kirchberger Bezirk der Altpietistischen Gemeinschaft (wir berichteten).

Die Tradition der Brüderreise ist wahrscheinlich so alt wie die Stundenhäuser selbst, sagt Paul Zimmer, der wie seine Ehefrau Hannah aus einem solchen stammt. Die beiden haben sich bei einer der Bibelstunden kennengelernt.

Verband unterstützt nicht mehr

Hermann Stradinger bedauert, dass die zentrale Verwaltung des Altpietistischen Gemeinschaftsverbands in Stuttgart die Brüderreisen nicht mehr unterstützt. „Wir sind der letzte Bezirk, der das überhaupt noch regelmäßig macht.“

Dass Hohenlohe ein stark pietistisch geprägter Landstrich ist, war nicht immer so. In den ersten Jahrhunderten nach Aufkommen der pietistischen Idee im 17. Jahrhundert waren die Franken sogar recht immun dagegen, meint Ernst Ebinger, der um 1925 eine ausführliche Chronik der pietistischen Anfänge in Hohenlohe geschrieben hat. Demnach brachten erst die Württemberger im frühen 19. Jahrhundert den Pietismus ins damals frisch „eingemeindete“ Hohenloher Land. Im Königreich Württemberg war die Bewegung freilich schon 1743 so stark, dass sich der württembergische Landes- und damit auch kirchliche Herr genötigt sah, das Abhalten von örtlichen „Stunden“ in einem „Pietistenreskript“ zu gestatten.

Insofern verstehen sich die Altpietisten im Land bis heute als „Zusatzangebot“ zum Angebot der Kirchengemeinden vor Ort, betont Stradinger, einer der drei Vorsitzenden des Kirchberger Bezirks der Altpietistischen Gemeinschaft. Mehr noch: „Wir versuchen, auch in den Orten Angebote vorzuhalten oder einzuführen, an denen jetzt nicht mehr regelmäßig gepredigt wird.“

Auch wenn in Württemberg früh schon Pietisten unterwegs waren: Bis sie in Hohenlohe so richtig ankamen, sollte es dauern. Die erste Gemeinschaft in Hohenlohe entstand in Neustädtlein 1803 rund um den Schuhmacher Tobias Schieber. Um 1807 werden im Pfarrbericht Wildenstein erstmals vier Pietisten aufgezählt, 1840 sind es schon 40. Frühe Stundenhäuser gab es auch in Großaltdorf (1840), Steinbach bei Honhardt (1852) und Bettenfeld (1855).

Um 1850 kam Schwung in die Sache, denn dann bekam Hornberg einen neuen Lehrer, Christian Dietrich, der ein charismatischer Mann gewesen sein muss. „Es entstand so etwas wie eine Bewegung von Rotenburg bis Hall“, heißt es in der Chronik. Wobei das dem Hornberger Bürgermeister irgendwann zu viel gewesen sein muss, denn dem rührigen Lehrer wurde die Schule für Versammlungen entzogen. „Es muss ein wüstes Treiben gewesen sein“, meint der Chronist. Dietrich ließ sich versetzen. Mit seinem gleichnamigen Neffen spielte er eine wichtige Rolle bei der Gründung des Altpietistischen Gemeinschaftsverbands 1857. Onkel wie Neffe waren beide nacheinander Vorsitzende.

In Hohenlohe indes war die Saat gesät. Chronist Ebinger zählt um 1925 immerhin 119 Gemeinschaften in Hohenlohe. Heute gibt es laut Hermann Stradinger im Kirchenbezirk Kirchberg 25 Stundenhäuser. Für den Bezirk Crailsheim nennt der hauptamtliche Gemeinschaftspastor Manfred Pfänder zehn Stundenhäuser – davon eines in Satteldorf, seit 1922 ununterbrochen. In Crailsheim selbst war das Gebäude in der Grabenstraße 14 (heute „Christliche Bücherstube) das Gemeinschaftshaus, bis es 1941 aus politischen Gründen verkauft werden musste. Es blieb aber Versammlungsort bis heute.

Info Die Abschlussveranstaltung der Brüderreise ist am Sonntag, 24. Februar, 18 Uhr im evangelischen Gemeindehaus in Schrozberg beim „Jesus-Treff für alle Generationen“. Motto: „Verstehst du, was du liest?“

ALLES DREHT SICH UM DIE EHRE GOTTES

Bei den Altpietisten, die sich heute lieber flotter „Apis“ und „die Bibelbeweger“ nennen, steht die eigene, persönliche Beziehung zu Gott im Fokus – weniger die Verantwortung in der Gesellschaft. Das persönliche Leben in Wort und Tat müsste vom Glauben bestimmt werden, sagen sie. Denn das Seelenheil sei, ganz nach Luther, allein durch den Glauben zu erlangen. Da reichten selbst gute Taten allein nicht aus, meint Paul Zimmer aus Rückershagen, „und die Taufe auch nicht. Jeder Mensch ist ein Sünder. Seit Adam und Eva steht das fest. Wir sind alle verloren vor Gott. Selbst das Baby im Kinderwagen.“ Hinterher, also nach dem Tod, gebe es nur zwei Richtungen. Gerettet werde man nur durch die persönliche Beziehung zu Gott. Diese werde unterstützt durch die Bibel, die es immer wieder neu zu durchdringen gelte. Hermann Stradinger, einer der Vorsitzenden des Api-Bezirks Kirchberg: „Es dreht sich alles um die Ehre Gottes. Und die Liebe ist allem übergeordnet.“

Die aktuelle Brüderreise der Apis im Bezirk Kirchberg endet am 24. Februar. uts

ALTPIETISTEN
Tun was Luther von Christen erwartet

Bei der Bibelstunde in Kleinallmerspann sind drei junge Leute von der Bibelschule in Kirchberg zu Gast.© Foto: Ute Schäfer
Kirchberg / Ute Schäfer 12.02.2019

Eines vorab: Bei der Brüderreise des Altpietistischen Gemeinschaftsverbands ist in diesem Jahr auch eine Schwester dabei. Aber sonst ist im großen Wohnzimmer von Emilie Strempfer in Kleinallmerspann alles wie immer – und wie schon seit über 160 Jahren. Einmal im Monat werden Stühle in Reihen aufgestellt, so viel das Zimmer fassen mag, und dann sammeln sich die Brüder (und Schwestern) um den sogenannten Brüdertisch. Dann tun sie das, was Luther von einem jeden aufrechten Christenmenschen erwartet: sich um das Wort Gottes beziehungsweise um die Bibel zu kümmern.

Heute sind drei junge Leute zu Gast, die die Bibelauslegung vorbereitet haben. Sie sind derzeit auf „Brüderreise“. Will heißen: Sie besuchen in den nächsten Tagen die regelmäßigen Bibelstunden im Kirchenbezirk Blaufelden. Der Termin am Sonntagnachmittag in Großallmerspann ist der zweite von insgesamt mehr als 30, den die drei jungen Leute wahrnehmen werden.

Judith Fobbe hat dazu ihre Geige mitgebracht, Patrick Aberle die Mundharmonika und Michael Klimpsch die Gitarre. In Kleinallmerspann singen sie ein Lied aus dem Altpietistischen Liederbuch – „Jesus unsere Freude“ steht auf der Vorderseite. Die Losung stammt von der Herrnhuter Brüdergemeinde, einer der Anwesenden liest seine Gedanken dazu in Gedichtform vor. Dann kommt die Bibelauslegung. In der Bibel, schickt Michael Klimpsch voraus, stehen freilich nicht nur Geschichten. „Hier steht Gottes Wort.“ Die aktuelle Bibelpassage findet er in der Apostelgeschichte und mit ihr führt er die Zuhörer nach Beröa – wo genau das ist, zeigt er auf einer Karte. Dort missionierte Paulus erfolgreich, weil die Menschen das Wort „bereitwillig aufnahmen“ und überdies „in den Schriften prüften, ob es sich so verhielte“. (Apg 17, 10-13). Dies sollten auch die Anwesenden tun, rät er: nämlich im sonntäglichen Gottesdienst und auch sonst die Bibel dabeihaben und prüfen, ob das Wort Gottes die Grundlage für alles sei. Denn: „Ein Leben in Gottes Wort lohnt sich. Ich glaube, da werden Sie mir zustimmen.“ Und die Zuhörer lächeln und nicken.

Mit seinem Schwerpunkt auf dem Wort sah sich der Altpietistische Gemeinschaftsverband (heute nennen sich die Mitglieder „Apis“) bei seiner Gründung 1857 in Stuttgart als Erneuerer des Protestantismus, doch auf dem Hof von Strempfers wurde schon zuvor Bibelstunde gehalten. Wann genau sich hier erstmals Menschen trafen, weiß man nicht so genau. Aber die monatliche Bibelstunde und die jährliche Brüderreise gehören zum Haus wie der große Tisch. Den hat Familie Strempfer eigens angeschafft. Für die Bibelstunde, bei der sich heute gut zwei Dutzend Besucher im Wohnzimmer versammelt haben.

Aber auch für das traditionelle Kaffeetrinken hinterher. „Die Leute sind früher von weit her gekommen“, berichtet Emilie ­Strempfer. „Manchmal sogar bis aus dem Bayerischen.“ Zu Fuß kamen sie zur Bibelstunde, und vor dem Heimweg sollten sie natürlich gestärkt werden. Kaffee und Weißbrot zum Eintunken gab es früher, einige erinnern sich noch gut daran. Heute gibt es Kaffee und Kuchen.

Dafür hat der Tisch ein Innenleben. Es offenbart sich, sobald die Bibelstunde vorbei ist: Er lässt sich auf das Vielfache ausziehen. Schnell ist das weiße Tischtuch ausgebreitet, das Porzellan darauf, da fassen sich die Gäste auch schon an den Händen: „Fröhlich sei das Kaffeetrinken. Guten Appetit“, sagen sie und freuen sich über den Kaffee. Aber auch über ihre Gemeinschaft.

DIE BRÜDERREISE GEHT NOCH BIS 24. FEBRUAR

Auf der Brüderreise unterwegs sind derzeit Judith Fobbe, Absolventin der Bibelschule, Patrick Aberle, Student an der Bibelschule Kirchberg, und Michael Klimpsch, Missionar in Vorbereitung auf seinen Dienst in Brandenburg. Die Brüderreise geht bis 24. Februar mit insgesamt mehr als 30 Terminen. Die nächsten Bibelstunden sind heute, 12. Februar, 14 Uhr Haus Andörfer, Sonnenweg 27, Michelbach/Lücke, und 20 Uhr im Jägerhaus in Billingsbach. Morgen steht ein Besuch bei den Konfirmanden in Leuzendorf an und Bibelstunde um 20 Uhr im Haus Stradinger, Landstraße 41, in Hausen am Bach. uts

 

 

Erste Bibelstunde als private Stubenversammlung

Wo heute die Bibelschule in Kirchberg ist, in Hornberg, entstand ca. 1850 die erste private Stund in einem Wohnzimmer, durch den Pietistengeneral Christian Dietrich, siehe Artikel 

Wir in der Presse

Hier finden Sie Veröffentlichungen über uns Apis im Bezirk Bezirk Kirchberg